Es ist ein ruhiger Nachmittag. Im Wohnzimmer von Geneviève Pantli, 97 Jahre alt, duftet es nach Blumen. Obwohl sie kaum noch sehen kann, schmücken Blumensujets jeden Tisch und jede Ecke – als Erinnerung an das Schöne, das noch immer da ist. Auf ihrem Schoss liegt ein altes, vergilbtes Schwarz-Weiss-Foto. Darauf zu sehen: eine junge Frau mit ebenmässigen Zügen und einem eleganten Hut. «Das ist meine Mutter», flüstert sie fast ehrfürchtig und lächelt. «Dieses Foto ging mit ihrem Verlobten in den Krieg – und fand nach seinem Tod den Weg zurück zu ihr.» Geneviève hält das Bild so fest, als wäre es ein Stück ihrer eigenen Geschichte, die noch lebendig ist.
Doch an manchen Tagen fühlt sich Geneviève allein. Viele ihrer Freunde sind längst gegangen, ihr Mann vor Jahren verstorben. Die Tage sind stiller geworden, die Gedanken oft kreisend. Dann fragt sie sich manchmal, warum sie überhaupt noch hier ist. Und genau in diesen Momenten kommt Caterina Vogelgesang, eine 58-jährige Freiwillige des Besuchs- und Begleitdienstes SRK, in ihr Leben. Die beiden Frauen haben sich gefunden, als ob das Schicksal es so gewollt hätte. «Wenn Caterina hier ist, wird es hell», sagt Geneviève. «Sie ist mein Sonnenschein.» Caterina liebt die Geschichten aus Genevièves Leben – Geschichten, die in Paris beginnen, mit der Liebe nach Zürich führen und von einer Welt erzählen, die heute so fern scheint.
Caterina selbst hat in vielen Ländern gelebt, spricht sechs Sprachen und weiss, wie wichtig es ist, Zeit miteinander zu verbringen. «Madame Pantli ist ein wandelndes Geschichtsbuch», erzählt sie begeistert. Doch es geht nicht nur um die Vergangenheit. Gemeinsam erkunden sie die Gegenwart – kleine Spaziergänge mit dem Rollator, ein Besuch im Café, oder Caterina liest Geneviève vor, weil ihre Augen längst müde geworden sind. «Unser nächstes Projekt sind die Werke von Victor Hugo», sagt Geneviève und strahlt. Damit sie täglich ihre Muskulatur trainiert, pedalt Geneviève Pantli auf ihrem Mini-Heimtrainer. «Zehn Minuten lang», erklärt sie stolz.