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Wie erkenne ich eine Traumafolgestörung?

Interview mit Lena Forrer, Fachpsychologin Psychotherapie der Gravita SRK - dem Zentrum für Psychotraumatologie.

Welches sind typische Ereignisse, die zu einer Traumatisierung führen können? 

Als Trauma wird ein extrem belastendes oder bedrohliches Ereignis oder eine Reihe von Ereignissen bezeichnet, das/die bei der betroffenen Person Gefühle intensiver Angst, Hilflosigkeit oder Entsetzen auslöst und die Fähigkeit zur Bewältigung der Situation überfordert. 

Man unterscheidet zwischen einmaligen und wiederholten traumatischen Erlebnissen sowie zwischen zufälligen und durch Menschen verursachten Traumata.

  • Einmalige Traumata entstehen z. B. durch Unfälle, Naturkatastrophen (z. B. Erdbeben, Brände) oder Gewaltverbrechen wie Überfälle oder sexuelle Übergriffe.
  • Wiederholte oder langanhaltende Traumata können durch anhaltende Katastrophen (z. B. Atomunfälle) oder durch menschliche Gewalt entstehen, z. B. Missbrauch, Misshandlungen, Krieg, Folter oder politische Verfolgung.

Es gibt Menschen, die traumatisierende Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben, jedoch keine Traumafolgestörung erleiden. Warum? 

Die Gründe dafür sind vielschichtig und beinhalten eine Kombination aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Hierzu kann ich ein paar Beispiele nennen, jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 

  • Menschen, die nach einem Trauma über ein stabiles soziales Netzwerk verfügen, sind oft besser in der Lage, die Belastungen zu bewältigen. Unterstützung durch Familie, Freunde oder professionelle Helfer bietet Sicherheit und trägt dazu bei, die emotionale Last zu verringern.
  • Individuen, die in der Vergangenheit bereits herausfordernde Situationen erfolgreich bewältigt haben, können oft auf diese Erfahrungen zurückgreifen und besser mit neuen Belastungen umgehen. 
  • Frühkindliche Bindungserfahrungen spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Traumafolgestörungen. Die Qualität der Bindung beeinflusst die Fähigkeit einer Person, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten.
  • Wer das Trauma als kontrollierbar oder bewältigbar wahrnimmt, hat ein geringeres Risiko für langfristige Schäden.
  • Ereignisse, die einmalig und kurzzeitig auftreten, sind oft weniger belastend als chronische oder wiederholte Traumata. 
  • Frühzeitige therapeutische Interventionen können das Risiko erheblich senken. Auch der Einsatz effektiver Bewältigungsstrategien wie Achtsamkeit, Sport oder kreativer Ausdruck kann helfen, das Trauma zu verarbeiten.

Was sind typische Anzeichen, die auf eine Traumatisierung hinweisen können? 

Diese können sehr unterschiedlich sein und hängen von der Art des Traumas und der individuellen Verarbeitung ab. Es gibt jedoch einige allgemeine mögliche Anzeichen sowohl physischer als auch emotionaler Natur. 

Dazu können folgende Symptome gehören: 

  • Wiedererleben des Traumas (Albträume, ungewollte Erinnerungen, Flashbacks)
  • Angst und Panikgefühle, Scham- und/oder Schuldgefühle, Anhaltende Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit
  • Schlafstörungen und das Gefühl der Entfremdung von anderen 
  • Reizbarkeit und Wutausbrüche, übermässige Vorsicht oder Misstrauen
  • Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren oder sich an bestimmte Dinge zu erinnern, insbesondere an den traumatischen Vorfall selbst
  • Vermeidung von Situationen, Orten oder Menschen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen könnten
  • Häufige Kopfschmerzen, Magenschmerzen, chronische Erschöpfung oder andere unerklärliche körperliche Beschwerden
  • Alkohol- und/ oder Drogenmissbrauch. Schwierigkeiten, engen Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen und/oder Vertrauen zu fassen
  • Rückzug aus sozialen Kontakten oder das Gefühl, "anders" zu sein und nicht mit anderen in Verbindung treten zu können

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Anzeichen nicht immer sofort auftreten und je nach Person unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Auch die Dauer und Intensität der Symptome können variieren. 

Was mache ich, wenn ich oder jemand in meinem Umfeld, an diesen Symptomen leidet? 

Dann ist es wichtig, behutsam und umsichtig vorzugehen, da Traumata tiefgreifende Auswirkungen auf die Betroffenen haben können. 

Hier sind einige mögliche Schritte, die in einer solchen Situation unternommen werden können:

  • Schutz und Sicherheit schaffen, so dass sich die Betroffenen sicher fühlen. Dies kann ganz individuell gestaltet werden, z.B. eine Person fühlt sich sicherer, wenn sie alleine ist, andere fühlen sich sicherer, wenn sie mit anderen Menschen zusammen sind
  • Zuhören und Verständnis zeigen, z.B. einfühlsam sein, nicht drängen, offene Fragen stellen
  •  Professionelle Hilfe suchen, z.B. in Form einer Therapie, Selbsthilfegruppen 

Jeder Mensch reagiert auf Traumata anders, daher ist es entscheidend, flexibel und verständnisvoll mit anderen und sich selbst zu bleiben.

Wo gibt es weitere Unterstützung? 

Psychotherapeutische und psychiatrische Hilfe
Gezielte Suche nach Psychotherapeut:innen, die auf Traumafolgestörungen spezialisiert sind unter www.psychologie.ch oder unter der DeGPT CH: Schweizer Sektion der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie www.degpt.ch
Es gibt auch Kliniken, die spezialisiert sind auf die Behandlung von Traumafolgestörungen. 

Notfall- und Krisensituationen 
144 Notrufnummer für alle medizinischen Notfälle
Regionale psychiatrische Notdienste
Pro Juventute: Tel. 147 (für Kinder und Jugendliche, kostenlos und anonym)
Dargebotene Hand: Tel. 143 (für Erwachsene, anonym)

Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen (Auswahl)
Opferhilfe Schweiz: Unterstützt Menschen, die Opfer von Gewalt oder anderen traumatischen Erlebnissen wurden. Sie bieten Beratung, Begleitung und finanzielle Hilfe www.opferhilfe-schweiz.ch

Selbsthilfe Schweiz: Verzeichnis von Selbsthilfegruppen zu verschiedenen Themen, darunter auch Trauma und PTBS www.selbsthilfeschweiz.ch